Als Kind liebte ich das tanzen
- Hülya Melisa Mermer

- 14. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Als Kind liebte ich es zu tanzen und zu toben. Wenn alles um mich herum laut war, kehrte ich zu mir zurück und tanzte in meinem Zimmer umher. Ich sang, spielte und träumte davon, eines Tages auch in Filmen zu spielen.
Das Kind in mir machte sich irgendwann auf den Weg in die Schule, dann in die Mittelstufe und zu guter Letzt in die Oberstufe. Doch wann ich sie verloren hatte, wusste ich erst, als ich eine Entscheidung traf, die aus dem Nichts kam. Zumindest war das der Eindruck meines Umfelds. Das Abitur in der Tasche und ein One-Way-Ticket nach Australien, ohne Geld und ohne Plan. Doch das verschwieg ich meinen Eltern und Freunden natürlich wohlwollend.
Im Flugzeug nach Australien, dem Ort, der so weit wie möglich von meiner Heimat in Deutschland entfernt war, wurde mir eines klar: Ich war davon überzeugt, das Leben einfach mal zu leben. Ohne Plan und mit dem Wissen, dass ich jede Sekunde genießen würde, kam ich an. Was mich vor Ort erwartete, waren genau die Dinge im Leben, die die meisten „Funktionierenden“ in unserer Gesellschaft verlernt haben. Ein schmerzender Bauch vor lauter Lachen, wässrige Augen beim Abschied von Menschen, die man auf der Reise traf und nicht zu wissen, wie man morgen seinen Tag verbringt. All diese Sachen haben eine Sache gemeinsam: das Fühlen.
Das Traurige an der Sache ist, dass wir alle schon im Kindesalter lernen, zu verlernen, wie sich das Leben anfühlen kann und soll: leicht. Leichtigkeit ist nicht nur ein Begriff, der beschreibt, wie ein Zustand ist. Es ist ein Lebensgefühl. Und getrieben von der Intuition und der festen Überzeugung, dass alles kommt, wie es kommen soll, war das Leben plötzlich schwerelos. Ich befand mich im freien Fall und hatte doch einen festen Boden unter meinen Füßen, denn ich entschied mich für das Leben in Fülle. Und damit ist nicht das Materielle gemeint, sondern alles andere drumherum. Ein Lachen am Morgen, weil man aus freiem Willen heraus eine Sushi-Rolle auf dem Weg zur Arbeit genießt, das hysterische Lachen der Freunde und Mitmenschen, die einem vor zwei Monaten noch fremd waren, und Gespräche, die über die Oberfläche hinausgingen. Sie gingen in die Tiefe, und je tiefer ich grub und kramte, desto voller war mein Herz. Alles an der Oberfläche war wie ein Blick in einen wässrigen Spiegel: unscheinbar und verschwommen. Und mein Inneres wurde immer klarer, geführt von meinem Bauchgefühl und dem Fühlen.
Also ja, ich habe sie wiedergefunden. Das Mädchen, das in ihrem Zimmer auf- und abtanzte und nicht stillhalten konnte. Ich fand sie auf der anderen Seite der Welt, an einem Strand in Melbourne, umgeben von Menschen, die mit ihr tanzten. Und du kannst das auch. Es muss keine Weltreise sein, die Reise in dein Inneres reicht vollkommen aus.


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